von Doris Karl
Ich verbrachte gerade einige Tage in meinem elterlichen Zuhause und hatte auf unserer neuen Terrasse in der warmen Sonne Zeit zum Nachdenken. Vieles ging mir durch den Kopf, Erfreuliches, aber auch Bedrückendes.
Wenn man sich die Gesellschaft heute ansieht und den Menschen, der darin arbeitet, schafft und sich einsetzt, entsteht der Eindruck einer großen Orientierungslosigkeit und Überforderung. Wie viele leiden an Depressionen, an Burnout und anderen vor allem psychischen, ja geistigen Leiden.
Gott wird aus dem menschlichen Leben verbannt.
Das moderne Europa ist mit der Aufklärung in ein Vakuum des Woher, Wozu und Wohin des Menschen geschlittert. Eine Aufklärung, die in gewisser Weise im Hinblick auf unreflektierte, unwissenschaftliche Fakten gut war. Aber das „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich), das Descartes statuierte, hat das menschliche Denken zum Ursprung des Seins gemacht, nicht mehr umgekehrt, das Sein als Grundlage des Denkens. Und dieses Sein war seit den großen Philosophen wie Thomas von Aquin Gott. Gott wird aus dem menschlichen Leben verbannt. Damit schneidet sich aber der Mensch von seiner geistigen Lebensgrundlage ab. Darunter leiden wir heute noch. Vor kurzem habe ich zu Hause auf unserem elterlichen Hof einen Baum gesehen, der samt den Wurzeln umgefallen war. Die Wurzeln waren zu schwach, um ihn weiter zu halten. Ein Bild für unser Menschsein, das wir aber tunlichst kaschieren, schönreden oder negieren. Wir rennen daran vorbei, so als ob wir es nicht registrieren würden. Wir machen weiter in unseren gewohnten Bahnen und spüren dennoch, dass etwas nicht stimmt.
Wie schwer ist es, seine gewohnten Bahnen zu verlassen und sich der Wahrheit des Lebens zuzuwenden? Dass ich mir mein Leben nicht selbst gegeben habe, auch meine Eltern konnten mich in meiner Konkretheit nicht „bestellen“. Wer hat mich aber gerade in diese Familie, Zeit und Kultur gestellt? Ist es bloßer Zufall? Meine Seele ahnt, dass das nicht wahr sein kann. Der Mensch hat Sehnsucht nach der Größe einer Aufgabe, nach Sinn, Liebe, Güte und nach Anerkennung seiner Einzigartigkeit und Originalität.
Wenn ich aber auf die wirtschaftlichen, politischen, medialen und gesellschaftlichen Strukturen schaue, die tragende Werte verloren haben, werde ich mutlos. Wo finde ich Halt? Wo finde ich einen Weg in die Zukunft? Wo finde ich wirkliches Leben und Hoffnung?
Es ist klar, dass es nicht im Materiellen alleine zu finden ist. Der Mensch ist ein lebendiges Wesen, das heißt, er hat ein unsichtbares Lebensprinzip in sich, er ist beseelt. Er ist aber nicht nur bloß beseelt wie ein Tier, das Schmerz, Gefühle und Instinkte hat, nein, der Mensch hat eine Innerlichkeit, die ihm eine große Verantwortung abverlangt: In jedem Augenblick ist er herausgerufen, das Gute zu wählen und das Böse zu lassen. Er erkennt als einziges Lebewesen nämlich sich selbst, Gut und Böse und den Schöpfer.
Ihm ist Freiheit geschenkt und seine Person, die ihm bei der Empfängnis unsterblich eingehaucht wird. Wie utopisch klingt es heute in den Ohren der Menschen, dass sie diese tiefen Wahrheiten stirnrunzelnd belächeln.
Ihnen können aber die vielen Zeugen entgegengestellt werden, die sich dieser Dinge bewusst geworden sind und deren Leben sich grundlegend zum Guten verändert hat. Mein Leben bis zu meinem 30 Lebensjahr war geprägt durch schwierige Familiensituationen, die mich schon als Kind belastet haben. In mir war ein großes Gefühl der Wertlosigkeit und ein Mangel an Sinn. Ich orientierte mich an der „Werteskala“ meiner Umgebung, bei der ein akademischer Titel, ein großer Verdienst und mediale Schönheitsideale an oberster Stelle standen. Diese Ziele verfolgte ich, aber ich merkte bald, dass in mir trotzdem eine große Leere blieb. Ich erinnere mich, dass es mich in dieser Phase meines Lebens als junge Studentin und Agnostikerin auf einem Interrail-Trip durch Frankreich nach Lourdes, einem großen katholischen Marienwallfahrtsort, verschlug. Erstaunt sah ich diesen Ort, die tausenden Menschen, die in die imposante Kirche strömten und ich fragte mich, was diese Menschen wohl bewegte. In einem Moment der Pause und des Nachdenkens überkam mich plötzlich ein tiefes Gefühl des Heimwehs. Ich hatte Heimweh nach einem Ort, ein Sehnen in eine Richtung, das ich so noch nie gespürt hatte und auch nicht wusste, woher es kam und wohin es ging. Es war kein Heimweh nach meinem Elternhaus, auch nicht nach Österreich, es ging weiter, höher, tiefer, es war existentieller. Heute weiß ich, dass mein Schöpfer mich gezogen hat, zu meinem Herzen gesprochen hat. Mein Schöpfer, der ein Gesicht hat: Jesus von Nazareth. Bei ihm wurde mein Hunger nach Identität und Lebenssinn gestillt. Ich wurde mir meiner Würde bewusst, die unabhängig von einem Titel, großem Verdienst und Schönheitsidealen ist, die ich nicht erfüllen konnte. Meine Würde ist unantastbar und heilig, weil sie mir von Gott geschenkt ist. Immer. Das hat mich von einer tiefen Essstörung befreit, mir den Mut gegeben, neue berufliche Wege zu beschreiten und heute in einem Beruf tätig zu sein, der meinen Talenten und Fähigkeiten entspricht. Vor allem aber konnte ich mich körperlich, seelisch und geistig als die, die ich bin, annehmen, weil derjenige, der das ganze Universum und mich geschaffen hat, ein ewiges Ja zu mir spricht: „Ja, ich will dass du lebst. Ja, ich will, dass du dich entwickelst. Ja, ich will dein Partner sein. Ja, ich bin da.“ So konnte ich auch meine Familiensituation annehmen und vergeben, wo mir nicht genug Liebe und Aufmerksamkeit seitens Familienmitgliedern entgegengebracht worden ist. Vor allem aber erkannte ich, dass auch sie in vielen Bereichen Leidende gewesen sind, die sich nach der bedingungslosen Liebe des Schöpfers gesehnt haben.
Damit will ich allen Hoffnung machen, die sich nach Identität, Sinn, Freude, Authentizität und einem Leben sehnen, das frei von Abhängigkeiten ist. Die Hoffnung, dass wir nicht alleine sind und dass eine Güte alles hält und trägt, die dich persönlich kennt und die „Pläne des Heils“ für dich hat und ein „Leben in Fülle“. Jesus von Nazareth hat es uns gebracht, er hat es mir gebracht und er will es jedem bringen, der sein enges Leben für seine Gegenwart öffnet und weiten lässt. Damit die „geistigen Lungen“ wieder amten können, damit man ins Weite sehen kann. Denn „wir müssen hinaus in die Freiheit eines Menschen, der wirkliche leben und lieben kann“ (Prof. Tomislav Ivančić).
